Hujambo

…heist “hallo” auf Swahili.

Lieber Leser, liebe Leserin

ich habe diesen Blog eingerichtet, um dich über mein Jahr in den Pare-Bergen in Tansania auf dem laufenden zu halten.
Ich werde bis zu meiner Ausreise Anfang September 2011 oft und ausführlich über mein Projekt, die Vorbereitung, interessante Infos und alle anderen Umstände berichten.

Die einfachste Art sich auf dem laufendem zu halten, ist sich in den Newsletter rechts einzutragen. Vor allem, um diesen Blog nicht zu schnell zu vergessen.
Du kannst mich aber jederzeit, auch wenn ich in Tansania bin, über eine mail an florian_wagenknecht@live.de erreichen.

Es würde mich freuen, wenn du gefallen an meinem Projekt findest, und mich deswegen in meinen Bestrebungen mit einer Spende unterstützen könntest. Das Geld geht aber nicht auf mein Konto, sondern wird von meiner Entsendeorganisation artefact gGmbH dringend gebraucht, um Unkosten, wie Transport un Unterkunft zu bezahlen.
Ein wenig habe ich schon zusammen, es sind aber insgesamt ca 1800 Euro, die nicht durch den Staat gedeckt werden, aber trotzdem Notwendig sind. Nähere infos findest du auf der Seite “Deine Unterstützung“. Es geht nicht ohne!

Das Spendenkonto:
artefact gGmbH Glücksburg
Bank: NOSPA
BLZ: 217 500 00
Konto Nr: 22 07 62 56

Betreff: solivol vunta 3

-Flo

Babu wa Loliondo – Eine traurige Geschichte

Thema Nr. 1 in Tansania ist zurzeit ein Mann und sein Tee in dem kleinen Ort Loliondo. Bis vor einem halben Jahr war er noch Priester der luth. Kirche, bis er eines Nachts von einem Baum träumte und diese „Vision“ dann für ein Zeichen Gottes hielt.

Seit dieser Vision vor 6 Monaten ist dieser „Großvater von Loliondo“ fleißig dabei einen leicht giftigen Tee aus diesem Baum zu brauen, und diesen dann unter den Menschen zu verteilen. Denn dieser Tee wäre die Antwort Gottes auf jegliche Krankheit, auch auf AIDS.
Und seine Lösung gegen alle Krankheiten und Laster des geplagten Volkes wird schnell zum Verkaufsschlager. Eine Tasse des heiligen Getränkes kostet 500 Shilling, etwa 23 Cent. Die Zeitungen schätzen die Einnahmen auf mittlerweile 50 Mio. Schilling, etwa 23.000 Euro. Interessant ist, dass 20 Millionen davon direkt an die Luth. Kirche gehen.
Diese ist seit kurzem sehr zerstritten. Einem Pastor wurde jetzt nahegelegt zurückzutreten. Er hatte die Kirchenführung öffentlich verurteilt, da diese das Wunderheilmittel Gottes unterstützt.
Für die Kirche ist ein solches Wunder hilfreich den schwindenden Besucherzahlen im Gottesdienst entgegenzuwirken, und den damit verbundenen Einnahmen durch die Kollekte.
Jede wichtige Persönlichkeit war inzwischen auf einen Tee beim Wunderheiler. Lokale Prominenzen, amerikanische Kirchenfanatiker und auch der Präsident Kikwete hat den Tee gepriesen. Vielleicht erhofft letzter sich der sinkenden Zustimmung, den Korruptionsanschuldigungen und den offengelegten Wahlbetrügen entziehen zu können.
Auch viele andere Afrikanische Amtsträger waren auch schon zu besuch. Zuletzt hat Kenia den Tee Gottes als Touristenziel erkannt, und werbt jetzt international gezielt mit Ausflügen nach Loliondo.
Nun wurde bekannt, dass durch den Ansturm der Massen die Straße nach Loliondo völlig blockiert hat, und mittlerweile mehr als 80 Menschen starben, da medizinische Hilfe nicht zu den Kranken im Stau durchkommt. Krankenwagen mussten oft mehrere Kilometer vorher unverrichteter Dinge wieder abziehen. Die Menschen holen ihre Schwerkranken Verwandten aus den Krankenhäusern und schleppen diese dann über tausenden Kilometer zu diesem Dorf, oft nur mit medizinischer Versorgung für ein paar Tage.

Die Grundlage für die von den Menschen so fanatisch aufgebrachten Glauben an den Tee liefert das vollkommen überforderte Tansanische Gesundheitssystem. Die Krankenhäuser sind überfüllt und es gibt nur wenige Kompetente Ärzte. Korruption gehört auch für Schwerkranke zum Alltag, die unterbezahlten Ärzte nehmen sich was sie können. Medizin ist oft teuer, und warum lange Aids-Therapien, wenn ein Tee den gleichen Effekt erbringen kann?

Da der Baumart bekannt ist (Carissa spinarum Linn) könnte sich jeder den Tee selber brauen. Doch nur der Tee aus den Händen des Großvaters könne den heilenden Effekt bringen, da, wie er verlauten ließ, er von Gott dazu auserkoren wurde.

Der Blick aus dem Fenster

Brrr… Regenzeit. Vormittags Sonne, leicht bewölkt. Nachmittags dann kommen die dicken, schweren Gewitterwolken, schieben die Wasserwand vor sich hin, wie ein gewaltiger Besenkopf, der über die Erde fegt. Zuerst hört man nur ein rauschen, ganz leicht, wie ein verkehrt eingestelltes Radio. Dann wird es lauter, und die Leute fangen an zu laufen und sich Deckung zu suchen. Der nasse Vorhang umhüllt einen und lässt dem Wellblechdach ein Bombardement erster Klasse nachahmen. Es übertönt alles. Letztendlich kann ich mich nur noch vorm Fenster setzen, und die kalte und feuchte Luft genießen, die herein gedrückt wird.

Dann kann man sich endlich mal wieder in einen dicken Pullover einpacken und Tee aufsetzen. Nebenbei liegen die Taschentücher, denn ich bin natürlich erkältet.
Da es von dem Nachmittag aus über den Abend in die Nacht hineinregnet, finde ich bei Sonnenuntergang noch schneller ins Bett als gewöhnlich. Keine Buschbabys schreien, keine Grillen zirpen, nur der Regen trommelt auf meinem Dach. Der Übergang von der ersten in die zweite Hälfte meines Ostafrika-Jahres ist Nass und Kalt, und gibt mir schon mal einen Vorgeschmack auf die Rückkehr in meine wilde und eisig-kalte Heimat im hohen Norden. Aber ich habe endlich die Ruhe, um mich an diesen Text zu setzen und um mein Gewissen zu beruhigen (“man hört ja gar nichts von dir!”).

An meiner Wohnlage hat sich nicht viel verändert. Ich wohne immer noch im “Best House” der Gegend (steht über meiner Tür) auf dem gleichen Gelände, auf dem ich auch arbeite.
Mein Haus besteht aus immer mehr Fotos, Büchern, Zeitschriften zu den gleichen vier Wänden. Von Zeit zu Zeit habe ich es um Körbe, Regale und zuletzt auch einen Sonnenschutz erweitert. My Home ist my castle. Anfangs habe ich selten selber essen gemacht, bin zu mama Stella ins Dorf gegangen, wo ich dann Reis mit Bohnen gegessen habe, oder zum Frühstück Mandazi mit Chai na maziwa (frittierte Teigware und Tee mit Milch). Mittlerweile schaffe ich es selber zu kochen, und es hat auch ein gutes Stück Alltag eingenommen, Kartoffeln schälen, Tomaten und Mangos kaufen und beim Essen dann ein Buch lesen. Ich koche mit Kohle, im Innenhof, auf einem Kohlekocher, was sich sehr gut macht.
Mein größter Erfolg ist das Brot backen. In Tansania kann man zwar Brot kaufen, es schmeckt aber nach nichts, besteht mehr aus Zucker als aus Mehl, und ich bekomme es auch gar nicht in den Bergen. In den ersten Tagen habe ich es mir gekauft, zwischendurch aber gelassen, und jetzt nehme ich mein Selbstgebackenes sogar mit runter zu den anderen Freiwilligen.

Vunta, mein Bergdorf, hat sich auch nicht sehr verändert. Lange haben die Bauern auf den Regen gewartet, und jetzt freuen sich viele über die Sinnfluten. In der Zeit der globalen Erwärmung mittlerweile keine Selbstverständlichkeit mehr. Die Region stand im letzten Jahrzehnt oft kurz vor Hungersnöten.
Ein paar Häuser sind hinzugekommen, die sich aber perfekt in das Bild aus Lehmziegeln und Wellblech einreihen. Nur die Straße von der Ebene in die Berge ist durch die Regenfälle in Mitleidenschaft gezogen worden.
Es gibt immer noch nur Reis, Ugalli (Maisbrei), Bohnen, Fish, Spinat, Kartoffeln und Tomaten. Die Obstauswahl bringt dafür aber immer neuen Schwung in den Wocheneinkauf. Bananen gibt es immer, Die Mango-Saison geht langsam zu Ende, dafür gibt es jetzt Birnen und auch wieder (grüne) Orangen. Wie immer 2,5 – 5 Cent das Stück. Mein persönliches Highlight bleibt aber mein selbstgebackenes Brot.

Die Menschen, mit denen ich am meisten zu tun habe, sind, neben den anderen Deutschen, der Pastor Kagou, der Schulleiter der secondary school Mapande, dem Verwalter des Kirchengeländes Ngoye, einem älteren Herren Namens mzee Jonathan (“mzee” kann mit “ehrwürdiger Herr” übersetzt werden) und dem Grundschullehrer Ahadi. Alle wohnen sie in Vunta und gehören zur lokalen Elite, sie sind die reichsten aus dem Dorf (Durchschnittsgehalt ca 350 Euro / Monat).
Mit dem Verwalter des Kirchengeländes sehe ich am öftesten, er bringt mir die Post und ich teile mit ihm ein Office. Er besitzt auch einen kleinen Laden im Dorf, wo er, wie so viele, Mandazy und Chai verkauft. Er ist auch schon etwas älter und kennt fast jeden in der Ecke der Berge.
Der Pastor kommt gleich dahinter. Irgendwo in den Dreißigern genießt er es offensichtlich überall eingeladen zu werden, und schlawienert sich durch die Tage und kommt immer mit einem Lächeln daher. Aber oft sieht man ihn auch mit angeschlagener Miene – Vunta war anscheinend nicht seine Wunschgemeinde. Seine Familie hat er am anderen Ende der Berge zurück gelassen.
Mit dem Schulleiter der secondary school mit Namen Mapande unterhalte ich mich am meisten, denn er spricht am besten English von allen. Er erzählt mir auch gerne Geschichten über die anderen im Dorf.
Danach kommt gleich Ahadi, der es mir eingebrockt hat, dass ich Heilig Abend betrunken war, wie schon lange nicht mehr. Vor der Kirche noch Mutter und Kinder verabschiedet, und dann ins Dorf, nur auf ein Bier…
Der ehrwürdige Herr Jonathan ist einer der ältesten im Dorf. Ich schätze ihn auf 60-70, das Durchschnittsalter hier beträgt aber gerade einmal 53 Jahre für Männer (Frauen 49 Jahre!). Daher wird er von allen respektiert und trägt den “mzee” in seinem Namen (ausgesprochen wird es ungefähr wie “im See”, nur ohne “i”). Er lädt mich wie so viele andere auch oft zu sich ein, und ich half ihm auch seine Solaranlage zu installieren. Zuletzt hat er sich ein Haus gebaut, welches meinem direkt Konkurrenz macht. Er ist pensionierter Grundschullehrer und hat auch als Gemeindevorsteher gewirkt, was ihm anscheinend eine hübsche Rente gebracht hat.

Die Menschen in Vunta sind sehr arm, wohnen mit großen Familien in relativ kleinen Lehmziegelhäußern und leben vor allen vom Ackerbau. Viele junge Männer stellen die Picki-Picki – Truppe der Gegend und fahren mit ihren chinesischen Motorädern die Menschen für ein paar Schilling durch die Gegend. Viele sparen ihr halbes Leben für die Heirat, die gesellschaftlicher Zwang ist, wobei die meisten Frauen mit 20 ihre erstgeborenen auf dem Arm zum Wochenmarkt gehen. In den größeren Orten sind Frauen etwas später dran, aber überall in Tansania prägen die Kinder das Straßenbild, sie machen die Hälfte der Bevölkerung aus.

Leider sind nur sehr wenige Menschen in Vunta einem English fähig, mit dem man sich auch unterhalten kann. Die meisten sprechen in erster Linie Kipare (Die Sprache des Pare-Stammes) und danach gleich Kisuaheli (=suaheli=swahili). Wirklich tiefgreifende Gespräche sind nicht so oft möglich, oft auch aus dem Grund, dass es viele Tabu-Themen gibt, über die niemand reden will, wie z.B. die Klassiker Alkohol, AIDS und Sex. Viele Sachen werden auch sterilisiert, oder von “oben” gefordert. So Hält sich der Pastor sehr mit der eigenen Meinung zurück, und gibt z.B. in Sachen AIDS vor allem die von oben gegebene Haltung der Luth. Kirche wieder; “Wer positiv ist, gehört aus der Kirche ausgeschlossen und wird keine Hilfe von dieser bekommen, da er außerehelichen Geschlechtsverkehr gehabt hat.”.
Ein freies Gespräch kann ich so leider nur mit den anderen Freiwilligen führen. Und seit einem halben Jahr immer den gleichen Gesprächspartner zu haben, füllt den Bedarf nicht auf Dauer. Ich vermisse meine mir liebsten Streithäne und Ja-Sager.

Die Steppenfahrt

Am Vortag hatte ich mir schon die Busfahrkarte am Busterminal geholt, um am nächsten Morgen nicht vor ausverkauften Bussen zu stehen.
Der eigentliche Kauf war ein lustiges Unterfangen. Der Busterminal war ein  Wirrwarr aus Menschen und Fahrzeugen, die sich quer über den Platz verteilten. Überall laufen die Bauchladenverkäufer mit ihrem Angebot an Wasser, Keksen und gerösteten Nüssen in Pappkartons auf dem Kopf den im minutentakt ankommenden Bussen hinterher, und die lokalen Rastas drängen sich Touristen als Führer und Vermittler auf. Kleine Stände mit runden Mamas verkaufen gegrillte Maiskolben und Tee mit frittierten Teigwaren. Eingezäunt wird das Gewühl von einseitig offenen Läden, die alles an Getränken, Süßigkeiten, Guthabenkarten, Weißbrot und Frittierfett verkaufen. Daneben gibt es noch die Stände und Büros der vielen Busunternehmen, die alle ihre Ticketverkäufer ins Feld geschickt haben, um ihre Busse möglichst voll zu bekommen.

Als ich Weißer auf den Platz ging, hatte ich schnell viele Freunde. Vor allem junge Männer kamen zu mir, fragten lächelnd nach dem Befinden und was mein Ziel sei und ob ich über eine Unterkunft für die Nacht hätte. Die Ticketverkäufer bildeten den 2ten Kreis um mir herum und riefen mir die vielen Destinationen abwechselnd zu. Mein Schweiß in der Mittagshitze musste nach Geld riechen.
Ich eröffnete die Spiele mit dem Nennen meines Zieles und sofort begannen ein paar Männer ohne Nachfrage eifrig Tickets zu schreiben, als ob der den Zuschlag bekommen würde, der erster fertig ist. In der Preisfrage gab es große Uneinigkeit zwischen meinen Freunden, und nachdem alle durcheinander riefen, suchte ich mir den mit dem niedrigsten Angebot aus und musste mit ihm noch weiter handeln, bevor ich den Preis bekam, der mir in Ordnung schien.

Mit Sonnenaufgang fuhren wir los. Der Bus war ein gebrauchter Import aus China, bestand aus Stallplatten mit ausgeschraubten Sitzbänken, Plastikfenster und Blechverkleidung. Um das ganze aufzuwerten hatte man große Lautsprecher im Inneren angebracht, aus denen in Endlosschleife die aktuellsten Swahilischlager dröhnten. Die Sitze gingen ins Fleisch und die vielen Poller zur Geschwindigkeitsbegrenzung verursachten Hüpforgien in der bunten Fahrgastmasse. Aber wir fuhren, und es war billig. Fast 1000 Kilometer für ein paar Euros.
In dem nächsten Ort deckte ich mich mit gerösteten Erdnüssen und kleinen Bananen ein, die mir unter meinem Fenster angeboten wurden. Meinen Rucksack war unter dem ganzen anderem Gepäck und Maissäcken im Mittelgang verschwunden und mein Sitznachbar vollbrachte es trotz der lauten Musik sich schlafend an meine Schulter legen.

Die nächsten Stunden gab es keine Unterbrechung, der Fahrer trank 2 Redbull und machte einen angestrengten Eindruck, er hatte die letzte Nacht wohl viel getrunken und wenig geschlafen. Vor allem während der vielen Überholmanöver steuerte er immer nervöser. Der Bus neigte dazu zu schlingern, was seinen Spielraum nicht vergrößerte. So fuhren wir weiter durch Baumsteppe, vorbei an öden Landschaften, spitzen Felsformationen und Palmenoasen. Je nach Region wurden verschiedene Waren an den Haltestellen angeboten, von großen Pilzen bis Ananas und alles zu Centbeträgen. Es gab eine Pinkelpause mitten im Nirgendwo und einmal eine Viertelstunde Halt auf einem Rasthof mit überteuerten Preisen. Und überall die gleichen trostlosen Dörfer in der Steppe, wo die gleichen Männer die gleichen Sachen durch die Gegend trugen, die gleichen Läden mit den gleichen Namen die gleichen Waren anboten, die gleiche Kleidung an den gleichen Leuten klebte und die gleiche Hitze unter der gleichen Sonne sich staute.

Nach 6 Stunden hatten wir einen kleinen Fluss überquert, als der Motor auf einmal ratterte und wir links ranfuhren. Anscheinend hatten sich irgendwas gelöst. 4 Männer krabbelten dann wie Ameisen im den Innereien des Busses rum. Die Fahrgäste konnten sich nicht zwischen der Backofenhitze im Bus und der Tropensonne davor entscheiden und so sind alle abwechselnd ein und ausgestiegen. Nach einer Dreiviertelstunde hatte der Fahrtwind der geöffneten Fenster uns dann wieder, und wir hielten auch schon im nächsten Truckerort. Ich konnte mein Fenster dann wieder nicht schnell genug schließen, 3 Frauen wollte gleichzeitig ihre schwarzen Plastiktüten voller Mangos mir auf den Schoß legen.

Einer vom Begleitpersonal holte am Nachmittag ein Bündel grüner Zweige aus seiner Tasche und schob, mich dabei angrinsend, einen nach den anderen in den Mund, kaute ein Kaugummi dazu und verlor dann seinen Blick in der Steppe. Miraa betäubt und macht einen lethargisch. Vor der Abreise kannte ich Khat allenfalls aus den Polizeiberichten in der Zeitung. Ich machte es ihm gleich und verlor mich zwar nicht in den bitteren Zweigen, aber in Pink Floyd, und die Sonne ging langsam ins Orange über.

Wie mir ein paar grüne Metallschilder mitten im nirgendwo sagten, durchquerten wir anscheinend gerade einen Nationalpark. Die Vegetation hatte sich nicht verändert, aber es tauchten auf einmal wieder die Poller auf, die bei zu hoher Geschwindigkeit einen Achsenbruch verursachen, und, im Gegensatz zur Polizei, unbestechlich sind. Zuerst waren es auch nur ein paar Gnus und Antilopen, dann aber tauchten nur ein paar Meter neben der Straße auf einmal Giraffen, Elefanten, Zebras, Hippos und Aasgeier auf. Eine halbe Stunde Safari mit Tieren fast zum anfassen.

Wieder draußen hielten wir auf einmal ohne ersichtlichen Grund mitten auf der Fahrbahn. Es gab Gerede unter den Leuten, dann Stille und alle waren ganz wild darauf auszusteigen. Einige andere schliefen und sahen, genau wie ich, nicht gleich worum es ging. Auf meine Nachfrage konnte mir auch niemand eine schlüssige Antwort geben, und ich ging den Leuten hinterher. Als ich gerade die Treppen zum Aussteigen runterehen wollte, sah ich das Fahrrad und das Mädchen, vielleicht 13-14 Jahre alt am Kopf blutverschmiert daliegen. Sie hatte ihre Schuluniform an und lag unnatürlich und schlaff ohne Lebenszeichen ein paar Meter neben dem Fahrrad. Um der Leiche herum wurde geredet, es wurde geglotzt und nach 5 Minuten hatte die Szene anscheinend ihre Spannung verloren und alle stiegen wieder ein, setzten sich, einige schlossen wieder die Augen und andere sangen wieder mit der immer noch gleichen Musik mit. Der Bus fuhr einen Bogen und die Fahrt ging weiter.

In der Dämmerung erreichten wir unser Ziel an der Küste. Trotz der tiefroten Sonne und der leichten Küstenbriese hörte ich nicht auf zu schwitzen, denn der Indische Ozean hatte die Luft mit Wasser gefüllt. Die kleinen Stände und Läden verkauften jetzt alle  fast ausschließlich Chipsy, grobe Pommes. Man sah die Männer Bier trinkend in der Bars bei der immer noch gleichen Musik sitzen, während die Frauen mit den vielen Kindern sich in die Lokale zwängen, um wie jeden Abend die fettigen Kartoffelecken zu essen. Ich suchte mir einen der wenige Plätze aus wo es Reis gab und trank einen süßen  Schwarztee danach. Anschließend musste ich noch einen Rasta und einen selbsternannten Touristguide abwimmeln, bevor ich ein billiges Hotel neben einer belebten Bar fand. 2 Euro für eine Schaumstoffmatratze und ein löchriges Mückennetz darüber. Ich wusch mich mit dem Wasser aus dem Eimer in der Toilette und ging dann zu Bett. Aus der Bar donnerte die gleiche Musik wie im Bus, und beim einschlummern erwischte ich mich dabei, wie ich leise mit summte.

Die Zeit, in der es regnen kann

Regenzeit – in anbetracht der hiesigen Wellblechdächer gerade nachts eine Ohrenbetäubende Angelegenheit. Es Donnert und Blitzt vor allem in den Abendstunden, und manchmal kann man vom Dorfplatz dank der Höhe die Blitze in den Gewitterwolken vor einem zucken sehen. Man selber steht dabei in Pullover in dem Sonnenuntergang und genießt den kühlen, frischen Wind, der in den Abendstunden mit dem Untergang der Roten Sonne aufkommt.

Als Ersatz für die Schlaflosen Nächte hat sich die grau-braune, trostlose Steppe in ein Meer aus sattem Grün verwandelt. Man kann der Tier und Pflanzenwelt ringsherum regelrecht dabei zusehen, wie sie sich nach dem Regen in euphorische Stimmung aufrichtet und immer lebendiger wird. Sogar die unzähligen Ameisen in meinem Essen scheinen kribbeliger als sonst. Eine beispiellose Frühlingsstimmung im Dezember.

Obwohl Weihnachten vor der Tür steht, scheint es nicht besondere Beachtung, zu erlangen, wie es bei uns in Europa der Fall ist. Heiligabend und an den beiden Weihnachtstagen werden Gottesdienste abgehalten, aber ansonsten wird hier keiner anderen Tradition gedacht, die man mit den Feiertagen in Verbindungen bringen könnte. Kein Adventskranz, keine besonderen Speisen oder Süßigkeiten, und Geschenke werden auch nicht gemacht. Mein Glück, dass ich einen Weihnachtskalender von Zuhause zugeschickt bekommen habe.


Es passiert hier ansonsten wirklich nicht viel.  Die Arbeit geht ihren Lauf, meine Sprachkenntnisse werden besser und besser, und dank des Regens ist nicht mehr alles so von rotem Staub bedeckt.

Zuhause scheint die Welt dank (un)günstiger Wetterverhältnisse gerade Kopf zu stehen, was einem noch einmal vor Augen führt, wie weit weg man eigentlich ist. Wenn ich immer für 1-2 Wochen von meiner Bergwelt verschluckt werde, dann vergisst man auch schnell, wie weit ich von meier Heimat eigentlich weg bin. Wenn man sich dann aber wieder erinnert, kann man es kaum erwarten wieder mit den Freunden Punschen zu gehen, mit der Familie die Feiertage zu verbringen und sich innerhalb der Bekannten Kultur zu bewegen.



 

Rote Erde, Rote Sonne

Über Sansibar hinwegfliegen, eine Kurve um Dar Es Salam und die Luft anhalten. Landen, Aussteigen, Palmen, warmer Wind, Tropensonne.

Die ersten paar Tage wurden wir in einer Herberge der Katholischen Kirche in der Vorstadt von Dar untergebracht. Das Gelände war ummauert, inkl. Watchmen mit geladenem Jagdgewehr. Rundherum erstreckten sich eng an eng Blechhütten und Palmen in alle Himmelsrichtungen. Ein gelungener Kulturschock.

Wir haben Suaheli geübt und die ersten Sätze gleich in der Umgebung ausprobiert; Handykarte kaufen und registrieren, Essen kaufen und Bier bestellen.

In Tansania wird fast der gesamte Personenverkehr von kleinen privaten Unternehmen geführt. Für Kurzstrecken sind die Dala-Dala´s zuständig, Kleinbusse und Van´s, die bis zum Brechen voll mit Menschen gefüllt werden und dann auf Reise gehen. Für längere Strecken sind Reisebusse die erste Wahl, man hat zwar nicht mehr Platz, ist aber schneller Unterwegs.
Die Enge und das Gedränge in den Bussen lässt sich aber mit den Süßigkeiten, geschnittenen Orangen und gekochten Eiern ertragen, die man alle halbe Stunde unter den Busfenstern kaufen kann. Man kann so ziemlich alles, was man brauch Unterwegs kaufen.

Nach der Eingewöhnungsfase sind wir nach Norden in die Usambara-Mountains gefahren, wo sich die Gruppe nach 4 Tagen aufgelöst hat, und jeder zu seinem Einsatzort weitergereist ist.

Unterwegs sieht man alles, von den Lehmhütten der Maasai in der trockenen Steppe, über riesige Sisal- und Orangenplantagen bis zu tropischen Wäldern und kleine Affen in den fruchtbaren Bergen. Überall kriechen Eidechsen und beim Wandern kaut man auf der Zuckerrohrstange rum, die man zuvor für umgerechnet 5 Cent auf dem Markt gekauft hat.

Vunta, mein Einsatzort liegt abgelegen und unschuldig in den Pare-Bergen. Die Serpentinen lassen sich nur mit Motorrad oder Jeep bezwingen, da die Straße uneben und steil ist. Man wird aber mit einer atemberaubenden Aussicht über die große Maasai-Steppe belohnt. Die Straße führt weiter in die Berge, bis Vunta sich dann als eine Ansammlung von Lehmhäusern zu erkenn gibt.

 

Da es keinen Strom gibt, gewöhnt man sich sehr schnell daran, zum Sonnenaufgang um 6 Uhr aufzustehen, und spätestens 1-2 Stunden nach dem Untergang um 7 Uhr zu Bett zu gehen.
Mein Haus verfügt über einen Wasseranschluss mit Trinkbarem, klarem Wasser.

Die meisten Menschen in den Pare-Bergen zählen zu dem Pare-Stamm, die ihre ganz eigene Kultur und Sprache haben. Kiswahili wird ursprünglich nur von einem Stamm an der Küste gesprochen, und wurde erst mit den arabischen Karawanen und später in der Kolonialzeit im ganzen Land verbreitet. Deswegen hat jeder der anderen unzähligen Stämme seine eigene Sprache, die bei den meisten auch noch aktiv angewendet wird.
Was aber für alle Stämme, einschließlich dem des Pare-Volkes, zählt, ist die Gastfreundschaft und die direkte Art miteinander umzugehen. Nicht nur als Weißer wird man oft zum Abendbrot, die wichtigste Mahlzeit des Tages, eingeladen. Es gehört dann zum guten Ton sich reichlich zu bedienen und mindestens 1 Mal nachzufüllen, auch wenn man schon von 2 anderen Einladungen kommt…

Was auch auffällt, ist, dass das Durchschnittsalter weit unter dem westeuropäischer Staaten liegt, und wirklich alte Menschen eher selten anzutreffen sind. Der Teufel steckt im Detail, in Tansania vor allem die Armut. Die Lehmhäuser lassen die Menschen ärmer aussehen, als sie sind. Es reicht aber noch lange nicht für Medikamente aller Art oder um sich gegen Krankheit und Ernteausfall zu versichern. Es lässt die Menschen hier in Massen in die Gotteshäuser strömen. Der Gottesdienst gestaltet sich Bunt und voller Gesang und zieht sich immer über mehrere Stunden hin. Trotzdem macht es Spaß dem beizuwohnen.

Meine Arbeitszeit kann ich mir selber einteilen. Ich arbeite 5 Tage die Woche, wo ich dann Solarlampen repariere und mich um die Baumschule direkt neben meinem Haus kümmere. In der nächsten Zeit werde ich damit anfangen der secondary school des Ortes in deren Umweltclub assistieren. Sobald mein Suaheli ausreicht, werde ich unter dem Dach der Solarwerkstatt auch noch Beratung für größere Solaranlagen anbieten. Die Nachfrage ist spürbar, da es in den gesamten Pare-Bergen keinen Strom gibt.

Wenn ich Wochenende habe, fahre ich nach Same oder weiter nach Mwanga, wo andere ihre Stelle haben. Wir treffen uns dann und übernachten zusammen bei einem von uns. Am Sonntag fahre ich dann wieder nach Vunta, jedoch nicht ohne vorher in Same auf dem Markt gewesen zu sein. Alles, was man an Lebensmittel mit Afrika verbindet, lässt sich hier finden. Ananas, Bananen, Erdnüsse, Orangen, Papaya, Mango, Kokosnüsse, und viele andere, die man in Europa nie zu sehen bekommt.

Tansania macht seine Armut in der Staatskasse mit der Vielfalt seiner Kulturen wieder wett. Die bunten Tücher der Frauen, den Kangas, den sie zu jeder Tageszeit benutzen, um sich komplett einzukleiden, und die überall das Straßenbild prägen, werden hier auch nur von einer Sache überboten: The Coca-Cola-Company.

Ich packe meinen Koffer, und nehme mit…

… halb Flensburg, einen Jahresvorrat an Wein und meine 3000-Lieblingsalben.

Freitag nächste Woche geht es nach Hamburg, dann über Istanbul nach Dar Es Salam. Im Gepäck wird neben den Klamotten, Medikamenten und Büchern auch eine Bunte Papp-Rolle mit der Aufschrift “Öömrang Skuul” mitreisen.

Die Papp-Rolle ist eine Spendendose der Öömrang Skuul auf Amrum, die für eine Schule in meiner Einsatzgemeinde über 3700 Euro gesammelt haben. Durch den Kontakt mit artefact, meine Entsendeorganisation, sind die Insulaner auf die secondary school in Vunta aufmerksam geworden, und versuchen mit meiner Hilfe eine nachhaltige Schulpartnerschaft ins Leben zu rufen.

Ich habe zu diesem Anlass meinen Blog aktualisiert und eine neue Seite mit weiteren Informationen eingerichtet. Darüber hinaus findet man auf den Seiten des SHZ einen Artikel zur Spendenübergabe auf Amrum.

Ich habe im Allgemeinen meinen Blog überabreitet, da einige Dinge nicht mehr aktuell waren und sich einiges geändert hat.

Und wer keinen neuen Eintrag verpassen will, den verweise ich gerne wieder auf den Email-Newsletter. Wenn ihr eure Email-Adresse rechts in das dafür vorgesehene Feld eintragt, werdet ihr die neuesten Einträge gleich nach der Veröffentlichung per Email zugesendet bekommen.

Zu Guter Letzt möchte ich noch einmal all denen danken, die für mein Projekt gespendet haben oder es noch tun werden.

-Flo

The last month

In einem Monat – genau am 10. September heißt es Abschied nehmen. Mittlerweile liegt die Buchungsbestätigung vor, und man löst sich so langsam aus allen Verpflichtungen.

Der Status Quo. Die Impfungen sind durch, Versicherungen sind abgeschlossen und Swahili wird fleißig geübt. Ich habe mittlerweile ein paar Stunden Nachhilfe in Sachen Solar-Anlagen bei Solar Andresen in Sprakebüll, und fühle mich immer sicherer in meinen baldigen Arbeitsthemen.

Im letzten Monat sind sowohl in der Flensborg Avis und im Flensburger Tageblatt Artikel über Jens Oke Johannsen und mich erschienen. Leider ist nur der Artikel des Tageblatts noch abrufbar. Und nicht wundern, aus “Weltwärts” wurde irrtümlich “WESTwärts”. Zum Artikel geht es >hier<.

Ich werde noch eine Abschiedsfeier geben. Vielleicht auch mit Jens Oke zusammen, ist bis jetzt aber nur eine Idee. Näheres wird aber noch rechtzeitig bekanntgegeben.

Ich möchte auch noch einmal an den Email-newsletter erinnern. Du kannst dich rechts eintragen, dann werden dir die Beiträge gleich nach der Veröffentlichung per mail zugesandt.

Und zu guter Letzt möchte ich allen bisherigen Spendern danken. Und auch ein großes Danke an diejenigen, die dies noch tun werden!

Flo